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Friday, May 27, 2022

Leichen, Explosionen und kein Ausweg: Ein Ukrainer berichtet aus der von russischen Soldaten eingenommenen Stadt Cherson

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Ein ukrainischer Soldat an der Frontline in der Nähe von Cherson.

Der Hunger ist über der ukrainischen Stadt Cherson hereingebrochen – und mit ihm die Verzweiflung. Lebensmittellager sind fast leer. Auf den Straßen herrscht Selbstjustiz. Das Erste, was der 20-jährige Igor jeden Morgen tut, sei Essen suchen.

Als Anfang dieses Monats russische Truppen in Cherson einmarschierten, änderte sich das Leben für den jungen Studenten und die 290.000 Einwohner der Stadt über Nacht. Nur wenige Tage zuvor habe sich Igor auf die Universitätsprüfungen an seiner Maritimen Akademie vorbereitet. Jetzt sei er inmitten einer brutalen Besetzung für seine gesamte Familie verantwortlich, erzählte er uns. Da sein Vater im Ausland sei und wegen des Krieges nicht nach Hause zurückkehren könne, habe Igor die Aufgabe, seine Mutter, seinen jüngeren Bruder und zwei Großeltern zu beschützen und zu versorgen.

Igor, der aus Sicherheitsgründen nur mit seinem Vornamen beschrieben wird, sprach mit uns über die alltäglichen Schrecken, die die Menschen in Cherson unter der russischen Besatzung erleben, während der russische Präsident Wladimir Putin weiterhin einen Angriffskrieg in der Ukraine führt.

Ein russischer Panzer in den Straßen von Cherson.

Ein russischer Panzer in den Straßen von Cherson.

Igor hat sein ganzes Leben in Cherson verbracht, das 200 Kilometer östlich von Odessa liegt. Er erzählte uns, dass seine Stadt, die strategisch günstig in der Nähe des Schwarzen Meeres liegt, einst ein typischer ukrainischer Hafen war – bekannt für seine berühmte Maritime Akademie.

Die Menschen in der Stadt hätten ihr Leben genossen, sagte Igor. Sie hätten „von allem genug“. Aber in den frühen Morgenstunden des 24. Februars erwachte Igor mit der Nachricht, dass Russland in die Ukraine einmarschiert. Die Ukrainer hätten wochenlang Informationen erhalten, dass ein solcher Angriff möglich sei. Doch niemand habe daran geglaubt, dass es wirklich passieren würde, erklärte Igor.

Trotz des anfänglichen Schocks gelang es ihm, ruhig zu bleiben. Das Erste, was Igor an diesem Morgen getan habe, war, in den Laden zu gehen, um Lebensmittel für seine Familie zu besorgen – eine Aufgabe, die bald zu einer täglichen Notwendigkeit werden sollte. In den nächsten Tagen zogen russische Truppen weiter ins Landesinnere, um Cherson einzukreisen. Dann enterten sie die Stadt.

Als Raketen in Cherson eintrafen, brachte Igor seine Familie in den Keller des Hauses. Jeder habe Notfallrucksäcke getragen, die zuvor mit kleinen Mengen an Lebensmitteln, Wasser und offiziellen Dokumenten vorbereitet worden seien. Die Familie versteckte sich in dieser Nacht stundenlang zusammen, bis eine Feuerpause eintrat.

Eine Verbandstasche von Igor.

Eine Verbandstasche von Igor.

Im ersten Moment der Ruhe, sagte Igor, sei er nach draußen gegangen, um zu rauchen und mit einem Nachbarn zu sprechen. Aber dieser kleine Akt der Normalität konnte die Wahrheit nicht verbergen: Cherson – und damit auch Igors Leben – waren für immer verändert. Am Mittwoch, den 3. März, weniger als eine Woche, nachdem die russischen Streitkräfte zum ersten Mal auf ukrainisches Territorium eingedrungen waren, war Cherson vollständig besetzt. Es war die erste große ukrainische Stadt, die an Russland fiel.

Verbrannte Körper auf den Straßen

Als Igor an jenem ersten Tag der Besetzung Chersons auf seinen Balkon trat, um zu rauchen, sei ein Projektil in der Nähe eingeschlagen, sagte er. Dann ein zweites. „Ein Mann wurde in Stücke gerissen“, erzählt er uns.

Von Business Insider überprüfte Fotos zeigen die verstümmelten Überreste des Mannes, die blutig auf der Straße neben einem russischen Panzer liegen. Der grausame Ort befindet sich in der Nähe von Igors Wohnung. Ein Foto eines Ausweises, den Igor in der Nähe der Leiche gefunden hat, deutet darauf hin, dass der Tote ein 38-jähriger russischer Soldat war.

Immer mehr ukrainische und russische Leichen werden immer wieder eingesammelt. Auch Familienmitglieder und Freunde der ukrainischen Toten holen ihre Angehörigen ab. Unmittelbar nach der russischen Invasion sagte der Bürgermeister von Cherson, Ihor Kolykhajew, der “New York Times”, dass viele der Toten in der Stadt nicht identifizierbar seien. Freiwillige vergruben sie in Massengräbern. “Viele der Leichen wurden in die Luft gesprengt”, sagte der Bürgermeister.

Der Krieg wird zum Alltag

Die Geräusche von Explosionen und der Anblick verbrannter Körper, die zu Beginn die Bürger von Cherson erschütterten, sind schnell Teil des neuen Alltags seit Beginn des Krieges geworden. “Jetzt schenken die Leute diesen Angriffen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit”, sagte Igor. “An Explosionen sind die Menschen schon gewöhnt.”

Russische Angriffe dauern immer noch in der ganzen Stadt an. Igor und seine Familie ziehen sich während der Angriffe in den Keller zurück und wagen sich nur dann an die Oberfläche, wenn der Himmel ruhig wird. Wenn er durch die Straßen seiner Heimatstadt gehe, sagt Igor, sehe er regelmäßig Leichen. “Anfangs war es ziemlich schwierig”, erzählt er. “Aber an diesem Punkt wird es einem völlig gleichgültig. Es ist nicht mehr und nicht weniger, als wenn man eine tote Ratte oder Katze auf der Straße sieht.”

„Ich bezweifle, dass wir, wenn das alles vorbei ist, das sein werden, was wir vor diesem Krieg waren“, fügte er hinzu. Bürgermeister Kolykhajew schätzte, dass bis zu 300 ukrainische Zivilisten und Kämpfer hier bereits ums Leben gekommen seien, zitierte die “New York Times” den Politiker. Zuverlässige und unabhängige Opferzahlen gibt es jedoch nicht.

Doch Igor denkt nicht gerne über die Schrecken des Krieges nach. Stattdessen will er seiner Familie und anderen helfen. Und es gibt viele Probleme zu lösen – das dringendste ist die rapide abnehmende Nahrungsmittelversorgung der Stadt.

Ein leergeräumter Supermarkt in Cherson.

Ein leergeräumter Supermarkt in Cherson.

Cherson sei vollständig von der Versorgung abgeschnitten, sagte Igor. Ihm zufolge werde keine humanitäre Hilfe zugelassen. Ukrainische Beamte berichteten Anfang März dasselbe und beschuldigten Russland, zuvor vereinbarte humanitäre Korridore innerhalb der Stadt nicht zuzulassen. Das Leben in Cherson dreht sich jetzt nur noch um die Sicherung von Nahrungsmitteln. Jeden Tag beginnt Igor seinen Morgen damit, Bargeld oder Lebensmittel zu sammeln, um seine Familie und andere, die in der Stadt festsitzen, zu ernähren.

Chersons Frauen hätten Angst, ihre Häuser zu verlassen, sagte Igor und berichtet von Gerüchten über Vergewaltigungen und Mord seit dem Einmarsch der russischen Streitkräfte. Während er auf der Straße unterwegs ist, spricht Igor mit Menschen darüber, wo es Lebensmittel gibt, sucht Lagerhäuser oder bestimmte Geschäfte auf, in denen angeblich noch Vorräte übrig seien. Die Schlangen an solchen Orten sind lang – er sagte, manchmal hätten sich bis zu 200 Menschen versammelt, um auf begrenzte Mengen an Essen zu warten.

Lebensmittelknappheit in der Stadt

Am Freitag, den 11. März, schloss das letzte Lebensmittellager der Stadt. Und die Menschen sind verzweifelt. Einige Bürger haben versucht, große Mengen an Lebensmitteln zu kaufen, die sie an Bedürftige verkaufen. Andere haben sich dem Plündern zugewandt.

Ein mit Business Insider geteiltes Video zeigt einen Mann, der mit Klebeband an einem Baum in Cherson befestigt ist. Leute greifen in dem Video den Mann an, schlagen auf seinen nackten Hintern, treten ihn. Der Mann in dem Video ist Igor zufolge ein Wachmann, der dabei erwischt wurde, wie er Lebensmittel aus einem Geschäft in der Nähe stehlen wollte. Passanten hätten ihn auf der Straße aufgegriffen und ihn vergangene Woche zur Strafe an den Baum gebunden. Igor sagte, das liege daran, dass es keine Polizeipräsenz mehr gebe, um auf Verbrechen auf niedriger Ebene zu reagieren. “Es gibt niemanden, der sie bestraft”, sagte Igor über die angeblichen Plünderer. “Diese [Bestrafung] wird von normalen Bürgern verhängt.” Es ist Selbstjustiz.

Igor sagte, er sei sich nicht sicher, wie sich die angeklagten Diebe der Selbstjustiz entziehen könnten. Er habe allerdings niemanden länger als einen Tag draußen festsitzen sehen. Mitfühlende Passanten würden sie schließlich von ihrem Leid lösen oder Familienmitglieder kommen, um sie zu retten. Denn in Cherson rutschen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt.

Die Verzweiflung unter hungrigen Zivilisten, die bereits in vollem Gange ist, wird sich in den kommenden Tagen wahrscheinlich noch verstärken. Igor schätzte am Freitag, den 11. März, dass in der Stadt noch genügend Lebensmittel für eine weitere Woche vorhanden sein würden – vielleicht nur Tage für diejenigen, die kein Geld mehr zum Ausgeben hätten. Kolykhajew teilt Igors Schätzungen und teilte “NBC News” am 10. März mit, dass die Stadt nur noch Lebensmittel für eine Woche übrig habe.

Die Lebensmittel im Supermarkt sind fast alle weg.

Die Lebensmittel im Supermarkt sind fast alle weg.

Sobald die Reserven seiner Familie aufgebraucht sind, plant Igor, die nahe gelegenen Flüsse zum Fischen zu besuchen. „Wir haben immer noch Fischer“, sagte er. “Es gibt absolut keine Behörden in der Stadt, und niemand verbietet das Fischen.”

Auch Benzin und Medikamente sind in der Stadt knapp geworden. Igor sagte, er habe Schlangen an Tankstellen gesehen, die Hunderte von Autos lang seien. Er erzählte, ein Taxifahrer habe ihm gesagt, er habe acht Stunden gewartet, um nur 20 Liter Benzin zum doppelten Preis zu bekommen. In einem am Sonntag auf Facebook geposteten Video sagte Bürgermeister Kolykhajew , dass der Stadt das Benzin, die Medikamente und die Lebensmittel ausgingen.

Demonstrationen gegen die russische Besatzung

Seit der Besetzung der Stadt gehen täglich zahlreiche Ukrainer auf die Straße, um gegen die russische Besatzung zu protestieren. Anfang dieses Monats schätzte Kolykhajew, dass fast 2000 Menschen an einem Protest teilnahmen. Igor sagte, er kenne mehrere Menschen, die an den öffentlichen Versammlungen teilgenommen hätten, um für die ukrainische Solidarität zu demonstrieren. Er beschuldigte die Russen, gefälschte pro-russische Demonstrationen zu inszenieren, um den Eindruck zu erwecken, dass das ukrainische Volk bestrebt sei, ein Teil von Russland zu werden.

Der einzige Weg aus der Ukraine für die Bewohner der Stadt geht über die von Russland kontrollierte Halbinsel Krim. Ein Ausweg, den Igor zufolge nur wenige nähmen. Hoffnungen auf „grüne Korridore“ oder einen humanitären Weg für zivile Evakuierte und Hilfe sind geschwunden. Russland hat auch die Telekommunikationstürme von Cherson angegriffen und kontrolliert nun, welche Informationen verbreitet werden. Die Stadt ist vom Rest der Welt quasi isoliert.

Igor nutzt wie viele andere Ukrainer die Messaging-App Telegram, um jeden Tag mit seinem Cousine in New York zu kommunizieren. Seine letzte Verbindung zur Außenwelt. Seine Cousine wartet gespannt auf Neuigkeiten von ihren vielen Familienmitgliedern, die im Land festsitzen. Sie sagte uns, dass sie sich hilflos fühle, wenn sie den Krieg aus Tausenden von Kilometern Entfernung beobachte.

Beerdigung von Freunden aus der Kindheit

Igors aktuelles Ziel ist es, seine Familie in Sicherheit zu bringen – und zwar bald. Vielleicht nach Polen, Tschechien oder sogar in die USA. Er erzählte uns, dass er Angst davor habe, seine Familie zu verlieren. „Es gibt keine größere Angst“, sagte er.

Selbst wenn Igor seine Familie herausholen könne, werde er jedoch in der Ukraine zurückbleiben, um sich weiter um hilflose Menschen zu kümmern, wie er uns erzählte. Allein in der vergangenen Woche habe er sieben seiner Freunde beerdigt, von denen er viele seit seiner Kindheit kannte. „Ich möchte nur, dass ihre Opfer nicht umsonst sind“, sagte er.

Die Frustration in Cherson wächst. Nachrichten aus dem umkämpften Mariupol und einem immer noch widerstandsfähigen Kiew führen die Berichterstattungen auf der ganzen Welt an. Aber Berichte über das Leben in Cherson und anderen ukrainischen Städten sind selten.

Igor sagte, es fühle sich manchmal an, als hätte die Welt seine Stadt vergessen. Aber während Nahrung und Hoffnung in Cherson weiter schwinden, bleibt der trotzige ukrainische Geist bestehen. Bürgermeister Kolykhaiev sagte am Sonntag, die ukrainische Flagge wehe immer noch vor seinem Stadtbüro. Igor zeigt sich sicher: “Wir werden sowieso gewinnen. Niemand zweifelt daran.”

Marina Owsjannikowa (zweite von rechts) ist von Journalisten umringt, als sie das Gericht im Moskauer Bezirk Ostankino verlässt.

Marina Owsjannikowa (zweite von rechts) ist von Journalisten umringt, als sie das Gericht im Moskauer Bezirk Ostankino verlässt.

Dieser Text wurde von Klemens Handke aus dem Englischen übersetzt. Den ursprünglichen Artikel findet ihr hier.



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